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Beklaute Frauen

Das neu erschienene Buch “Beklaute Frauen” von Leonie Schöler ist dank der Empfehlung von Lara bei mir eingezogen. Der Gedanke, dass Männer den Ruhm für die Arbeit von Frauen erhalten, war mir grundsätzlich nicht neu. Leonie hat aber für mich nochmal deutlich gemacht, wie umfassend und weitreichend dieses Problem ist. Wie mir ihre Ausarbeitung gefallen hat, erzähle ich euch in diesem Beitrag.

Lehrt uns die Geschichte denn nicht alles,
was wir über das Zusammenleben von Mann und Frau wissen müssen?

Beklaute Frauen, S. 12.

Worum geht es?

Muse, Sekretärin, Ehefrau – es gibt viele Bezeichnungen für Frauen, deren Einfluss aus der Geschichte radiert wurde. Für deren Leistungen Männer die Auszeichnungen und den Beifall bekamen: Wissenschaftlerinnen, deren Errungenschaften, im Gegensatz zu denen ihrer männlichen Kollegen, nicht anerkannt wurden. Autorinnen, die sich hinter männlichen Pseudonymen versteckten. Oder Künstlerinnen, die im Schatten ihrer Ehemänner in Vergessenheit geraten sind. Lebendig und unterhaltsam erzählt die Historikerin Leonie Schöler ihre Geschichten, sie zeigt, wer die Frauen sind, die unsere Gesellschaft bis heute wirklich vorangebracht haben. Und sie verdeutlicht, wie wichtig die Diskussion um Teilhabe und Sichtbarkeit ist. Dabei wird klar: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein System, das ihn bestärkt; vor allen anderen steht ein System, das sie aufhält. (Klappentext)

Rezension

Das Buch ist in verschiedene Kapitel aufgebaut, die sich mit verschiedenen Oberthemen beschäftigen. So geht es um die (teils nicht vorhandene) Wahrnehmung von Frauen als Bürgerinnen, Ehefrauen und/oder Töchter, Forscherinnen, Künstlerinnen und Kämpferinnen. Die einzelnen Kapitel sind nochmal in Unterthemen unterteilt, die sich teils mit einem Teilthema verschäftigen oder das Leben einer exemplarischen Frau darlegen. Hier hätte ich mir etwas mehr Orientierung gewünscht, um wen es geht (bspws. in den Titeln der Unterkapitel). Die einzelnen Abschnitte hängen zwar grundsätzlich zusammen, manchmal habe ich aber trotzdem den roten Faden verloren.

Davon ab ist “Beklaute Frauen” vor allem eines: großartig recherchiert. Allein die letzten 75 Seiten sind Literaturverweise, Quellenangaben und Register. Das zeigt, wie tiefgreifend sich die Autorin mit den einzelnen Themenbereichen auseinandergesetzt hat. Diese Detailtiefe merkt man auch beim Lesen: es gibt viele Zitate und Fotos der Frauen, über die Leonie Schöler spricht. So bekommt man direkt einen Eindruck von Menschen, die ich selbst zumindest vorher nicht kannte: Rosalind Franklin zum Beispiel oder Marie-Thérèse Walter. All diese Frauen (insgesamt bestimmt 15, obwohl ich nicht gezählt habe) stehen exemplarisch für Frauen, die von Männern ausgenutzt und eben “beklaut” worden. Die Männer in diesen Geschichten dagegen kennt man (was für die These spricht!): Albert Einstein, Karl Marx, Bertholt Brecht, Pablo Picasso. Sie alle haben Frauen nur als Ware, Hilfsmittel oder Muse gesehen, jedoch niemals als gleichberechtigt. Die Geschichten der Frauen machen vor allem eines: wütend. So wütend, dass ich das Buch nur über eine Woche verteilt lesen konnte, Kapitel für Kapitel. Denn die Informationen und Zusammenhänge mussten erst sacken und nachwirken, bevor ich mich einem neuen Abschnitt widmen konnte.

Besonders eindrücklich fand ich (wohl auch beruflich bedingt) das sechste Kapitel, indem es unteranderem um weiße Bildungsliteratur geht, die eben fast ausschließlich von Männern geschrieben wurde, sowie um Algorithmen im Internet, die ebenfalls standardmäßig männlich programmiert sind. Definitive Leseempfehlung!

Beklaute Frauen

Aber die Geschichte kennt für Frauen eben meistens nur eine dieser drei Rollen:
Ehefrau/Familienangehörige, Sekretärin oder Muse.

Beklaute Frauen, S. 137.

Mein Fazit

Insgesamt konnte mich das Buch von Leonie Schöler definitiv überzeugen. Es macht wütend, traurig und man fühlt sich teilweise machtlos beim Lesen, doch dann kommt der Wille, zu handeln. Etwas zu verändern. Eine spannend geschriebene und großartig recherchierte Arbeit – lediglich bei der Gliederung und dem Aufbau hätte ich mir etwas mehr Orientierung gewünscht.

Daher bewerte ich “Beklaute Frauen” mit

Eckdaten auf einen Blick

Titel: Beklaute Frauen
Autor*in: Leonie Schöler
Hier in Deutschland erschienen: Februar 2024
Genre: Sachbuch
ISBN: 978-3-328-60323-8
Seitenzahl der Printausgabe: 416 Seiten
Preis: 22€ als gebundene Ausgabe (z.B. bei Thalia*)

*sponsored post ~ Dieser Post ist in Kooperation mit dem Penguin Verlag entstanden. Das Buch wurde mir kostenlos für die Rezension zur Verfügung gestellt. Die Fotos sind selbst gemacht und ich gebe meine eigene Meinung wieder. Mehr dazu findet ihr in meinem Kooperationsstatement.

Ein Kommentar

  • Reply
    oceanloveR
    4 Mai, 2024 at 16:42

    Ahoi Missi,

    ah witzig, ich weiß, was du mit der Kritik an der Gliederung meinst – und empfand das zugleich nicht als störend, sondern passend; für mich ging es weniger um die “exemplarischen” Frauen, als das System an sich und so mochte ich diese essayartige Struktur… so oder so: richtig gutes Buch, da schließe ich mich dir an :)

    Wenn du magst, hier meine Rezension :)

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende noch
    Ronja von oceanloveR

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