Fantasy & Dystopie Jugendbücher Rezensionen

Sanctuary – Flucht in die Freiheit

Auch wenn mittlerweile ein anderer Präsident die USA anführt, sind die Taten und Vorhaben seines Vorgängers noch immer präsent. Eine Mauer zwischen Mexiko – und damit Süd- und Nordamerika – und den USA war nur eine dieser Ideen. Doch was, wenn diese zur Realität geworden wäre? Und was, wenn man die Idee weiterdenkt und eine Gesellschaft erschafft, in der der Geburtsort bestimmt, wie das eigene Leben aussieht? Genau diese Ideen haben die Autorinnen Paola Mendoza und Abby Sher in Sanctuary – Flucht in die Freiheit wahr werden lassen. Und das Ergebnis ist ebenso bedrückend wie eindrücklich.

Nach fünfzehn Schritten war sie tot.
Fünfzehn – einer für jedes Jahr ihres Lebens, bevor es ausgelöscht wurde.

Sanctuary – Flucht in die Freiheit, S. 7.

Worum geht es?

Im Jahr 2032 werden alle BürgerInnen der USA durch einen Chip überwacht, der den Personalausweis/ die ID ersetzt. Dort ist alles – Name, Geburtsort, Registernummer – eingetragen und kann bei Bedarf ausgelesen werden. Für MigrantInnen ist das eine Katastrophe, denn amerikanische Staatsbürger bekommen deutlich mehr Privilegien zugeteilt. Vali lebt mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in Vermont, kommt aber ursprünglich aus Kolumbien, nur ihr kleiner Bruder Ernesto ist in den USA geboren und hat die amerikanische Staatsbürgerschaft. Vali und ihre Mutter dagegen haben sich illegal einen Chip einsetzen lassen, der ihnen gefälschte amerikanische Identitäten verschafft.

Doch die Lage spitzt sich zu: die amerikanische Regierung sucht gezielt nach Undokumentierten und nimmt sie fest. Also muss Vali mit ihrer Familie fliehen. Das Ziel: Kalifornien, der einzige Staat, der sich widersetzt. Doch der ist knapp 3000 Meilen entfernt. Als dann auch noch ihre Mutter festgenommen wird, sind die 16-jährige Vali und ihr kleiner Bruder auf sich allein gestellt – und vor ihnen liegt eine Reise durch das gesamte Land mit nichts als ein paar Rucksäcken und etwas Bargeld…

Rezension

Die Geschichte wird aus Valis Perspektive erzählt, die auf der einen Seite gern ein typischer Teenager wäre, auf der anderen Seite aber auch genau weiß, was sie davon abhält – ihre Herkunft. Von Beginn an zur Unauffälligkeit erzogen, versucht sie verzweifelt, sich anzupassen. Diese Zerrissenheit macht sie ebenso sympathisch wie authentisch. Vali ist mutig und bereit, für ihren Bruder alles zu opfern, gleichzeitig aber eben noch ein Teenager. Aber auch über die Protagonistin hinaus sind die Charaktere im Buch alle sehr individuell und authentisch: ihr Bruder Ernesto, ihre Mutter und ihre Tante, aber auch die Menschen, die ihr auf dem Weg begegnen. Vor allem Ernesto, ebenfalls ein Flüchtling, ist mir schnell ans Herz gewachsen mit seiner Geschichte über seine Großmutter, die ihn aufgezogen hat. Alle ProtagonistInnen sind von der Gesellschaft Ausgestoßene, was beim Lesen sehr bedrückend wirkt und eindrücklich vim Gedächtnis bleibt.

Die Handlung beginnt erst mit dem normalen Alltag von Vali und ihrer Familie. Der Einstieg fiel mir etwas schwerer, da häufig spanisch gesprochen wurde (die Amtssprache Kolumbiens), ohne dass es eine Übersetzung gab. Zwar konnte man immer ungefähr verstehen, worum es ging, und es trug natürlich zu einer authentischen Atmosphäre bei, ich fand es beim Lesen aber eher anstregend. Da diese Passagen aber hauptsächlich von Valis Mutter ausgehen, werden sie ab der ersten Hälfte weniger. Der Hauptteil der Handlung dreht sich um Valis und Ernestos Flucht durch die USA. Das Setting wirkt sehr dystopisch, die bedrückende und angemütliche Atmosphäre bleibt das ganze Buch über bestehen. Man bekommt ein wenig ein Gefühl dafür, wie Flüchtlinge sich fühlen, wenn sie auf dem Weg in ein sicheres Land sind. Bis auf einige wenige Szenen – wie den Sprung auf und von einem fahrenden Zug – wirkte das auf mich auch sehr realistisch und lebensnah. Der Spannungsbogen wird durch die Unsicherheit auf einen Erfolg konstant hochgehalten, weshalb ich das Buch ab der Hälfte eigentlich auch gar nicht mehr weglegen konnte.

Die Sprache der beiden AutorInnen ist eindrücklich und nah, bis auf die spanischen Einschübe kam ich gut zurecht. Der Kosename „Mami“ von Vali für ihre Mutter wirkt in der deutschen Übersetzung sehr kindlich, hier wäre ein Mum oder Mama geeigneter gewesen. Im Endeffekt ist es aber auch wieder authentisch, wenn man die Muttersprache von Vali bedenkt. Das Cover mit der Illustration gefällt mir sehr, allerdings wirkt Vali auf dem Cover mutiger und stärker, als sie es im Buch ist. Hier wäre ein gehetzterer oder ängstlicherer Gesichtsausdruck vielleicht passender gewesen. Besonders mag ich die Haptik des Buchs, die ein wenig an Kraftpapier erinnert.

Ich konnte es nicht glauben. Uns unterschied nichts außer der Tatsache, wo wir geboren waren. Es war weder ihre noch unsere Schuld oder Entscheidung gewesen, die sie zur Jägerin und uns zu Gejagten gemacht hatten.

Sanctuary – Flucht in die Freiheit, S. 299.

Mein Fazit

Insgesamt hat mich die Geschichte sehr gut unterhalten, wobei ich es schwierig finde, dieses Thema als „Unterhaltung“ zu bezeichnen. Es war sehr eindrücklich, bedrückend und auch beängstigend. Daher fällt mir hier auch eine Bewertung sehr schwer, vor allem, da das Thema so sensibel ist. Abzüge gibt es für mich eigentlich nur in Bezug auf die spanischen Einschübe und den eher stockenden Einstieg, der Rest war einfach großartig. Das Buch ist gleichzeitig Warnung und Hilfeschrei und gehört für mich trotz der Kritik zu meinen Jahreshighlights.

Daher bewerte ich „Sanctuary – Flucht in die Freiheit“ mit

Eckdaten auf einen Blick

Titel: Sanctuary – Flucht in die Freiheit
AutorIn: Paola Mendoza, Abby Sher
Hier in Deutschland erschienen: Juli 2021
Genre: Dystopie, Jugendbuch
Empfohlen: ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-551-58441-0
Seitenzahl der Printausgabe: 352 Seiten
Preis: € als broschierte Ausgabe (z.B. bei Thalia*)

*sponsored post ~ Dieser Post ist in Kooperation mit dem Carlsen Verlag entstanden. Das Buch wurde mir kostenlos für die Rezension zur Verfügung gestellt. Die Fotos sind selbst gemacht und ich gebe meine eigene Meinung wieder. Mehr dazu findet ihr in meinem Kooperationsstatement.

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